Station 5: Dorfbrunnen

Station 5: Dorfbrunnen

Die großen geschaffelten Holzbrunnen prägten früher das Ortsbild von Serfaus und versorgten Menschen und Vieh mit frischem Wasser. Zugleich waren die acht Dorfbrunnen wichtige Gemeinschaftseinrichtungen und dienten im Brandfall auch der Löschwasserversorgung.
Dorfbrunnen – Kühe beim Tränken. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Dorfbrunnen – Kühe beim Tränken. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus

Geschaffelte Holzbrunnen

Große runde „geschaffelte“ Holzbrunnen sind typisch für die ehemals rätoromanischen Siedlungen im obersten Tiroler Oberinntal und im benachbarten Schweizer Engadin. Bei diesen Laufbrunnen in der Form eines Schaffes fließt das Wasser aus einem aufgerichteten Rohr in ein frei zugängliches Brunnenbecken – im Unterschied zu einem Schöpfbrunnen, einem tieferen Schacht- oder Kesselbrunnen, aus dem das Wasser mit einem Eimer heraufgezogen werden musste. Das Wasser aus einem Laufbrunnen war frischer und vielseitiger verwendbar als das Wasser aus häuslichen Grundwasserbrunnen. Die dafür notwendigen Treichl oder Zuleitungsrohre wurden früher mühsam und kunstfertig aus ausgehöhlten Baumstämmen angefertigt.

Winteransicht vor 1960. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Winteransicht vor 1960. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Sommeransicht vor dem Verkehrsbüro-Haus und Bankgebäude in den 1960er-Jahren. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Sommeransicht vor dem Verkehrsbüro-Haus und Bankgebäude in den 1960er-Jahren. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus

Acht historische Dorfbrunnen

In früheren Zeiten existierten in Serfaus acht Dorfbrunnen. Diese wurden nach ihrem Standort benannt: Es gab den unteren Brunnen, den mittleren Brunnen, den Brunnen am Platz, den Brunnen bei der Arche Noah, den Brunnen am Eggle, den Brunnen bei der Mühle, den Brunnen bei der Klåsagåssa und den Brunnen beim Widum. Das Wasser der meisten Brunnen wurde oberhalb des Dorfes gefasst, wobei die Quellfassung mit Holz ausgekleidet und mit Brettern abgedeckt war. Es war wichtig, die Quellen fest einzufassen und vor Verunreinigungen zu schützen. Auch heute noch zählt der Schutz der Quellen vor Verunreinigungen zu den wichtigsten Aufgaben einer Gemeinde.

Mittlerer Dorfbrunnen um 1940. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Mittlerer Dorfbrunnen um 1940. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Mittlerer Brunnen ca. 1930. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.
Mittlerer Brunnen ca. 1930. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.

Genossenschaftliche Nutzung

Die Dorfbrunnen waren groß genug, um Rinder von mehreren Seiten aus zur Tränke führen zu können. Lange Zeit gab es in den Ställen noch keine eigenen Wasseranschlüsse, ebenso wenig wie in den meisten Häusern. Die Brunnen wurden deshalb regelmäßig und den ganzen Tag über gemeinsam von den benachbarten Haushalten genutzt. Die Nachbarn bildeten Brunnengenossenschaften, um die Brunnentröge sauber und die Treichl instand zu halten. Und ganz wichtig: Im Fall eines Brandes eilten die Nachbarn mit Handspritzen zum jeweils nächstgelegenen Brunnen.

Mittlerer Brunnen vor dem Dorfbrand von 1942. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.
Mittlerer Brunnen vor dem Dorfbrand von 1942. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.

Brunnenordnung und gemeinschaftliche Wassernutzung

Das lebenswichtige Element Wasser machte Brunnen früh zum Gegenstand rechtlicher Regulationen. Öffentliche und gemeinsame Nutzung ging immer mit gemeinsamen Pflichten einher. Man musste die Brunnen säubern und im Winter enteisen. In vielen Gemeinden gab es daher Brunnenordnungen. Erhalten geblieben ist beispielsweise eine solche Regelung in der Prutzer Dorfordnung von 1789, die für ihre Brunnen auch einen eigenen Brunnenmeister ernannte. Ähnliche Regelungen traf wohl auch die Gemeinde Serfaus, um zum Beispiel gegen die Verursacher von Verunreinigungen vorzugehen. Man einigte sich darüber, zu welchen Zeiten das Vieh zur Tränke geführt wurde und dass keine Windeln oder blutige Wäschestücke im Brunnentrog gewaschen werden sollten. Zur Vermeidung von Viehseuchen durfte kein „räudiges und unsauberes Vieh am Brunnen getränkt“ werden. Bei Epidemien war es verboten, die öffentlichen Brunnen zu gebrauchen. Aus Serfaus sind zwar keine schriftlichen Quellen zu solchen Regelungen erhalten, man dürfte sich in der Nachbarschaft mündlich über die Nutzung des Lebensquells Wasser geeinigt haben.

Waschtag am Brunnen

Waschtag am Unteren Brunnen nach 1942. Im Hintergrund sieht man die aufgehängte Wäsche vor dem Hofgebäude. Das Wäschewaschen mit eiskaltem Brunnenwasser war Schwerstarbeit, insbesondere im Winter. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.
Waschtag am Unteren Brunnen nach 1942. Im Hintergrund sieht man die aufgehängte Wäsche vor dem Hofgebäude. Das Wäschewaschen mit eiskaltem Brunnenwasser war Schwerstarbeit, insbesondere im Winter. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.

Brunnen-Nostalgie

In der Presse der 1950er Jahre wurde der kreisrunde Dorfbrunnen – und die Gesellschaft von Frauen, die sich am Brunnen treffen – zum nostalgischen Sinnbild des alten Serfaus. In den Tiroler Nachrichten vom 7. Dezember 1954 lesen wir: „Die Frauen sieht man auch heute noch täglich ihre ‚Runde‘ am großen kreisrunden Dorfbrunnen bilden. Auch heute noch tragen sie den großen, dunklen Dreiecksschal um die Schultern, der rückwärts fast bis zum Boden reicht.“

Bildquelle: Ausschnitt aus dem Artikel „Serfaus ist nicht mit Brettern vernagelt“ (H. F. Gundolf) in den Tiroler Nachrichten vom 7. Dezember 1954
Bildquelle: Ausschnitt aus dem Artikel „Serfaus ist nicht mit Brettern vernagelt“ (H. F. Gundolf) in den Tiroler Nachrichten vom 7. Dezember 1954

Vom Nutzbrunnen zum Symbol der Tradition

In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg steht der Dorfbrunnen mitsamt seiner Nutzerin, die Kopftuch tragende Frau, für die gute alte Zeit. Dieses Bild hob sich vom Neuen und Modernen ab, das durch den Aufschwung des Fremdenverkehrs ins Dorf kam. Mit dem Aufkommen des Tourismus verbreitete sich die romantische Idee, dass ein Brunnen ein Quell der Tradition und des Heimatgefühls sei. Bald schon begannen die öffentlichen Brunnen jedoch aus dem Dorfbild zu verschwinden. Man hielt sie nach der Einführung von Hauswasserleitungen für entbehrlich und manche wurden als Verkehrshindernisse beseitigt.

Erhalten geblieben sind Erinnerungen und alte Abbildungen von den verschwundenen, versetzten oder erneuerten Dorfbrunnen. Diese waren lange Zeit alltägliche zentrale Treffpunkte, nicht nur zum Wasserholen für die Küche, Wäschewaschen, Tränken der Kühe und zum Durstlöschen nach anstrengender Arbeit, sondern auch zum Austausch von Neuigkeiten und für die Kinder zum Spielen. Ihr Plätschern prägte die Lautkulisse im alten Serfaus.

Brunnen ohne Brunnenfigur im August 1937. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Brunnen ohne Brunnenfigur im August 1937. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Zuletzt aktualisiert am: 03.09.2026