Station 16: Friedhof

Station 16: Friedhof

Der Serfauser Friedhof wurde nach der Entstehung des Fotos in den Jahren 1964 bis 1967 neu gestaltet und nach Norden erweitert; seither sind nur schmiedeeiserne Grabkreuze erlaubt. Die Grabstätten erinnern nicht nur an die frühere Bedeutung von Serfaus als Begräbnisort auch für See, Fiss und Ladis, sondern spiegeln auch die lange Geschichte und Herkunft vieler Serfauser Familien wider.
Blick in den Friedhof im Jahr 1964. Bildquelle: Sammlung Risch-Lau, VOLARE

Neugestaltung und Erweiterung des Friedhofs

Nach der Entstehung dieses Fotos wurde dieser Friedhof in den Jahren 1964 bis 1967 neu gestaltet und nach Norden vergrößert. Die Friedhofsordnung legt seither fest, dass nur schmiedeeiserne Grabkreuze errichtet werden dürfen.

Der Friedhof Richtung Norden um 2001. Foto: Robert Klien (Serfaus-Buch S. 228)

Der Friedhof als Spiegel der Ortsgeschichte

Bis 1594 bzw. 1661 waren die benachbarten Orte See, Ladis und Fiss in seelsorglichen Belangen von der Mutterpfarre Serfaus abhängig. Daher wurden auch ihre Verstorbenen in Serfaus bestattet. Für die Gemeinde See bedeutete dies, dass ihre Toten über das 2.700 Meter hohe Furglerjoch transportiert werden mussten.

Die Grabstellen berichten über die Serfauser Familiennamen. Die Namen Greil und Mark sind seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar, aber auch die Greiter, Geiger, Kirschner, Lechleitner, Purtscher, Rimml, Schuler, Schwarz, Tschuggmall und Waldner haben eine lange Kontinuität, die in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Die in Serfaus bekannten Familien Althaler, Westreicher oder Jörg sind hingegen jünger. Es handelte sich dabei um ehemalige Bergknappen, denen es durch Grunderwerb oder Einheirat gelang, in Serfaus sesshaft zu werden. Sie blieben auch nach dem Ende des Bergbaus am Rotenstein bzw. nach der Auflösung der Urgentaler Gewerkschaft um 1750 hier.

Der Friedhofsteil südlich der Kirche, Blickrichtung Osten, Februar 2026. Foto: Thomas Purtscher

Aufbahrungskapelle und Kriegerdenkmal

An der nordwestlichen Ecke des Friedhofareals befindet sich eine Kapelle, die von 1963 bis 1966 als Aufbahrungshalle errichtet wurde. Architekt Paul Ilmer wählte dafür ein Granitmauerwerk mit Fassadenturm und Pultdach. Das Eingangsportal wurde von Josef Staud als Kriegerdenkmal künstlerisch gestaltet. Es zeigt das Thema „Erlösung“ mit der Bronzefigur „Christus als Überwinder des Todes“. Die beiden bronzenen Torflügel zeigen den Erzengel Michael sowie die Namen der gefallenen Serfauser in den beiden Weltkriegen.

Der nördliche Teil des Friedhofs mit der Aufbahrungskapelle, Februar 2026. Foto: Thomas Purtscher

Vom Beinhaus zur Lichterkapelle

Wurde ein neues Grab ausgehoben, kamen oft Gebeine zum Vorschein. Sie wurden ins Beinhaus („Buahaisl“) beim Kirchturm verbracht, wo etwa 1.950 Totenköpfe lagen. Es wurde im 20. Jahrhundert aufgelassen, diente zwischenzeitlich als Depot und hat seit geraumer Zeit die Funktion einer Lichterkapelle. Hier werden Kerzen von Wallfahrern, Kirchen- und Friedhofsbesuchern, aber auch im Gedenken an „Sternenkinder“ entzündet, zumal das vor kurzem errichtete moderne „Sternenkindergrab“ unmittelbar an die Lichterkapelle grenzt.

Die Lichterkapelle mit dem Sternenkindergrab im Vordergrund, Februar 2026. Foto: Thomas Purtscher
Die Lichterkapelle mit dem Sternenkindergrab (links) und dem Kirchturm (rechts) im Februar 2026. Foto: Thomas Purtscher

Sternenkinder in der Geschichte von Serfaus

Das Gedenken an allzu früh verstorbene Kinder hat in Serfaus eine lange Tradition. Aus dem 16. Jahr-hundert ist ein (Warn-)Schreiben des Brixner Bischofs an den Pfarrer von Serfaus bekannt. Aus ihm geht hervor, dass der ortsansässige Pfarrer totgeborene Kinder, welche zur Gnadenmutter von Serfaus gebracht wurden, nicht vorschnell taufen solle, sofern nicht zuverlässige Zeichen des Lebens feststellbar wären.

Blick in die Lichterkapelle, 2026. Foto: Thomas Purtscher

Respekt vor den Toten

Auf den pietätvollen Umgang mit Leichenteilen wurde großer Wert gelegt. Missbräuche wurden gerichtlich geahndet, wie eine Geschichte aus dem Jahr 1924 aufzeigt (siehe Zeitungsausschnitt). Sie spielte zwar nicht in Serfaus, aber geographisch nicht allzu weit davon entfernt.

Transkription: „Innsbrucker Landesgericht. Die Mutprobe. In Arzl bei Imst saßen eines Abends eine Anzahl alter Weiber beisammen und erzählten sich Gespenstergeschichten. Wie immer bei solchen Gelegenheiten spielten hiebei Toten- und Friedhofgeschichten eine große Rolle. Um ihren angezweifelten Mut zu beweisen, wettete die Marie Tangl, eine alte Schnapstrinkerin, um ein Achtel Schnaps mitten in der Nacht auf den Friedhof zu gehen und aus dem Beinhaus einen Totenschädel zu holen. Die Wette wurde abgemacht und die Tangl begab sich gleich auf den Weg zum Friedhof. Sie ging auch mutig ins Beinhaus hinein und holte sich von dort einen Totenschädel, den sie der im Dorfe wartenden Gesellschaft übergab. Diese entsetzte sich ob dieser Freveltat, begann sich zu fürchten und forderte die Tangl auf, den Kopf wieder zurückzutragen. Die Tangl forcht sich aber nicht; sie streichelte ihren Totenkopf und hielt mit ihm ein Zwiegespräch: ‚Tu du mir nichts, tu ich dir nichts.‘ Endlich entschloß sie sich doch, den Kopf dorthin zu tragen, wo sie ihn hergeholt hatte; dann trank sie ihren gewonnenen Schnaps aus und legte sich schlafen. Diese nächtliche Spukgeschichte hatte aber ein gerichtliches Nachspiel. Marie Tangl wurde wegen Mißbrauch von Leichenteilen angeklagt und hatte sich gestern vor dem Einzelrichter zu verantworten. Sie wurde unter Berücksichtigung mildernder Umstände – sie ist Mutter von sechs Kindern – zu einer Arreststrafe in der Dauer von 14 Tagen verurteilt (Gesetzliches Strafausmaß Kerker von einem Monat bis zu einem Jahr). Außerdem gewährte ihr der Richter einen Strafaufschub.“ (Innsbrucker Nachrichten, 25. Juni 1924, S. 8)

Aus: Innsbrucker Nachrichten, 25. Juni 1924, S. 8.
Zuletzt aktualisiert am: 17.04.2026