Station 13: Wallfahrtskirche

Eine der ältesten Christengemeinden im Oberinntal
Die Wallfahrtskirche „Unsere Liebe Frau im Walde“ ist uralt. Auf den ersten Blick sehen wir einen schlichten gotischen Bau mit spitzbogigen Fenstern aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, auf den zweiten Blick erinnern Grundriss und Flachdecke an die Romanik und es lassen sich Bauteile eines älteren romanischen Vorgängerbaus aus der Zeit um 800 entdecken. Durch Grabungen konnten aber auch Reste einer noch viel älteren frühchristlichen Kirche freigelegt werden. Die jüngsten Grabfunde beweisen, dass in Serfaus bereits im 5./6. Jahrhundert eine Christengemeinde existierte. Zu dieser Zeit wurde das Oberinntal entlang der römerzeitlichen Via Claudia von der antiken Stadt Aquileia im heutigen Friaul aus christianisiert. In Serfaus befand sich also nachweislich eine der ältesten bekannten Christengemeinden – wie auch in Fließ und Imst (Laurentiuskirche) oder im benachbarten Vinschgau in Burgeis und Gratsch.
Gotische Fresken erzählen aus der Bibel
Bei einer Kirchenrenovierung zu Beginn der 1960er Jahre wurden schöne Freskenfragmente aus dem 14. Jahrhundert freigelegt. Aus diesem Jahrhundert stammen auch der gotische Chor und wohl auch die Sakristei, wo jüngst weitere Grabungsarbeiten durchgeführt wurden, um mehr über das rätselhafte Alter der Kirche zu erfahren. Um 1335/1360 war das ganze Kircheninnere mit bunten Fresken ausgemalt worden. Damit konnten auch den leseunkundigen Gläubigen die wichtigsten Botschaften der Heiligen Schrift nähergebracht werden: An der Südseite sind der thronende Christus und Apostel zu sehen, ebenso das himmlische Jerusalem und das Jüngste Gericht, am Triumphbogen Heilige und Wappenschilde, in der Nische des Seitenaltars eine Kreuzigungsgruppe, im Gewölbe über dem Presbyterium die Evangelisten mit ihren Symbolen und musizierende Engel. Wie es für eine Marienkirche zu erwarten ist, fehlen auch nicht Szenen aus dem Leben der Gottesmutter wie die Verkündigungsszene und die Geburt Christi.
Auch außen, an der Südfassade sind zwei aneinanderstoßende gotische Wandmalereien zu sehen. Sie zeigen den heiligen Christophorus und den heiligen Georg zu Pferd, wie er gerade gegen den Drachen kämpft. Die beiden Fresken stammen, wie jene im Inneren der Kirche, aus dem 14. Jahrhundert.
Die Ausstattung der Kirche
Betritt man durch das neuromanische Portal an der Westfassade mit einem Verkündigungsmosaik aus dem Jahr 1910 im Giebelfeld und einer Darstellung des Gnadenbildes als Mosaik das Kircheninnere, lassen sich weitere religiöse Kunstschätze entdecken, die auch etwas über die Geschichte von Serfaus und seiner Umgebung erzählen. Die von dem aus Fendels stammenden Barockbildhauer Andreas Kölle (1680–1755) geschaffenen Kreuzwegstationen gelangten aufgrund der umstrittenen Kirchenpolitik Kaiser Josephs II. in den 1780er Jahren nach Serfaus. Sie befanden sich zuvor in der damals aufgelassenen Kapelle „auf dem Wiesele“ – auf der dem Inn gegenüberliegenden Bergseite hoch über dem Eingang des Kaunertals im Gemeindegebiet von Prutz gelegen. Damals sollten alle Kirchen, die nicht der unmittelbaren Seelsorge dienten, gesperrt werden. Dasselbe Schicksal wie der Kirche am Wiesele drohte daher auch der Serfauser Wallfahrtskirche. Um die Sperrung und Entweihung zu verhindern, kaufte die Gemeinde die Kirche um 36 Gulden.

Das Herzstück der Wallfahrtskirche
Das bedeutendste Kunstwerk im Innenraum der Kirche ist jedoch das von den Gläubigen verehrte Gnadenbild am Hochaltar: eine thronende Madonna mit Kind aus der Zeit zwischen 990 und 1170.

„Hack mi nit!“ Die Legende der Auffindung der Serfauser Madonna
Das Alter der Wallfahrt zum Gnadenbild ist unbekannt. Eine Datierungsinschrift auf der Rückseite der Marienstatue wurde lange Zeit so ernst genommen, dass als Jahr der Auffindung des Bildes und somit der Ursprung der Wallfahrt jahrhundertelang 427 angegeben wurde. In der Chronik des Klosters Marienberg im Vinschgau wird die Wallfahrt für 1150 bezeugt.
Im Mittelpunkt der Verehrung steht das Gnadenbild, die thronende Muttergottes mit Kind aus Lindenholz, dessen Alter lange Zeit ein Rätsel blieb. Der Legende nach geht die Wallfahrt auf das das Auffinden der Muttergottesstatue durch Holzfäller zurück, die einen Baum fällen wollten. Dabei sollen sie vom Baum herab den Ruf gehört haben: „Hack mich nicht“. An der Stelle des Baumes soll daraufhin der Altar errichtet und das im Baum aufgefundene Gnadenbild in der Kirche seinen „Wohnsitz“ gefunden haben.

Taufwunder
Die romanische Serfauser Madonna trägt in der Hand einen Apfel, der sie als „neue Eva“ ausweist und als Symbol für die Erlösung gedeutet wird. Nach alter christlicher Lehre ist die Taufe Voraussetzung für die Erlösung. Wurden Kinder tot geboren, rief man die „Serfauser Muttergottes“ als Fürsprecherin an, damit das Kind ein Lebenszeichen gäbe und somit die Taufgnade erlangen konnte. 1523 war der Pilgerzulauf zum Gnadenbild von Serfaus, insbesondere von Müttern und Vätern mit ihren totgeborenen Kindern, so groß, dass der Bischof von Brixen den Pfarrer ermahnen musste, die Neugeborenen erst dann zu taufen, wenn sie ein Lebenszeichen von sich gaben.
Seit dem Spätmittelalter wurden quer durch Europa an verschiedenen Wallfahrtsorten – insbesondere in den Alpen – Berichte über Taufwunder überliefert, in denen ein totgeborener Säugling für kurze Zeit zum Leben erweckt worden sei, um noch das Sakrament der Taufe zu erhalten. Ungetauft verstorbene Kinder galten als namenslose Geschöpfe, die nicht auf dem Friedhof in geweihter Erde bestattet werden durften. Man fürchtete sich auch davor, dass diese verstorbenen Kinder nicht zur Ruhe kommen und die Lebenden heimsuchen würden.
Der Wunderglaube war ein fester Bestandteil des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Weltbilds. Auch in der Barockzeit erfreute sich die Wallfahrt nach Serfaus wieder großer Beliebtheit. Die sogenannten Volksmissionen beförderten damals den Glauben in den katholischen Ländern. Im 17. Jahrhundert kamen zu den schon vorhandenen Wallfahrtsorten neue hinzu, sodass ein dichtes Netz von Wallfahrtszielen entstand, die oft nur zwei Gehstunden voneinander entfernt waren. Auf Serfauser Gemeindegebiet wurde etwa die St. Georgskirche oberhalb von Tösens mit seinem mittelalterlichen Reliquienschrein (1270/80) wieder derart populär, dass für Messen im Freien eine Kapelle angebaut werden musste. Im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, flaute das Wallfahrtswesen wieder ab.
Wiederbelebung der Wallfahrt im 19. Jahrhundert
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, in der Zeit des politischen Katholizismus und erneuerter Marienfrömmigkeit, wurde Serfaus als Wallfahrtsort wieder attraktiv. Die Muttergottesverehrung soll damals in Serfaus eigentümlich ausgeprägt gewesen sein, wie aus einer Schrift des Pfarrers Ferdinand Hellweger hervorgeht: An jedem Abend unter der Woche würde sich die Gemeinde in der Wallfahrtskirche versammeln, um hier gemeinsam den Rosenkranz zu beten, sodass, wer das erste Mal dieser Abendandacht beiwohnt, „sich in einer Jesuiten-Reduktion in Paraguay versetzt glaubt“.

Neue Blüte des Gnadenortes
Pfarrer Ferdinand Hellweger war Stadtprediger in Hall in Tirol, bevor er nach Serfaus kam und die Wiederbelebung der Wallfahrt ganz oben auf seine Agenda setzte. In der von ihm 1865 in Druck gegebenen Broschüre „Die Wallfahrt zur Mutter voller Gnaden oder Mariahilf im Walde zu Serfaus“ betonte er das hohe Alter der Wallfahrt und untermauerte die Bedeutung des Gnadenortes zudem durch den Abdruck einer Reihe von ausführlichen Wunderberichten. 1872 musste Hellweger zwar aufgrund von Konflikten im Dorf auf die Pfarre verzichten, die Wallfahrt blieb aber bis zum Ersten Weltkrieg populär.
Schon zu Hellwegers Zeiten produzierte man Wallfahrtsandenken für den Verkauf. 1874 führte der Serfauser Johann Georg Schalber ein eigenes Geschäft, in dem Andenken aller Art gekauft werden konnten. Es wurde mit „Handel in Christenlehrwaren oder als Christenlehrhandlung“ bezeichnet.
Die doppelte Madonna
Warum auf der Rückseite der romanischen Madonna in der Wallfahrtskirche die Zahl „427“ aufgeschrieben wurde, ist ein Rätsel. Vielleicht kam die Skulptur 1427 nach Serfaus. Die Fehlinterpretation der abgekürzten Zahl „427“ gab 2002 Anlass zum 1575-jährigen Jubiläum. Schon 1927 wurde zum 1500-Jahrjubiläum groß gefeiert. Auf den Devotionalien, die man zur Erinnerung und Erbauung direkt in Serfaus kaufen konnte, sowie auf den Wallfahrtsbildern oder sogenannten Votivtafeln, auf denen die verschiedenen Wundertaten abgebildet sind, ist freilich oft nicht die romanische Madonna, sondern eine barocke Marienstatue abgebildet.
Wie ist es zu dieser doppelten Madonna gekommen?
In den 1760er Jahren plante der damalige Serfauser Pfarrer Ingenuin Vergehrer, der gerade die Pfarrkirche barockisieren und sie so von ihrem „altväterischen“ gotischen Aussehen befreien wollte (siehe Station 14), den Abriss der alten Wallfahrtskirche. Das Vorhaben wurde von der Gemeinde verhindert. Für die Wallfahrtskirche wurde jedoch eine zeitgemäßere zweite Madonna angeschafft und als Gnadenbild in der Kirche aufgestellt. So kommt es, dass die barocke thronende Madonna (heute im Pfarrmuseum) auf zahlreichen Wallfahrtsbildern (Votivtafeln) aus dem 19. Jahrhundert dargestellt ist.

Romanische und barocke Madonna
Bis zur Kirchenrestaurierung um 1960 konnten die Gläubigen vor beiden Gnadenbildern in der Wallfahrtskirche ihre Gebetsanliegen vorbringen. Erst 2014 gelangte die barocke Marienfigur ins Pfarrmuseum, während die romanische Figur in der Wallfahrtskirche blieb. Mehr zur Geschichte der „doppelten Madonna“ lässt sich in dem Artikel „Die doppelte Madonna“ nachlesen:
Votivtafeln und Zeichen des Dankes
Nicht nur die barocke Marienstatue, auch die früher in der Wallfahrtskirche angebrachten Votivtafeln, die von den Wallfahrerinnen und Wallfahrern zum Dank für eine Gebetserhörung gestiftet wurden, können heute im Pfarrmuseum besichtigt werden. Votivtafeln spiegeln die Nöte der Hilfesuchenden und die Verletzlichkeit der Menschen wider. Auch in den vielen Kriegen der Habsburgermonarchie wurde Maria um Schutz angerufen. Am Sockel der barocken Marienfigur sind daher etliche Kriegsmedaillen als Votivgaben der Soldaten und ihrer Angehörigen angeheftet.
Sensationelle Entdeckungen
2024 und 2025 wurden archäologische Grabungsarbeiten durchgeführt. Dabei konnten wichtige Funde gemacht werden, die sensationelle Ergebnisse zutage förderten. Im Chorraum wurden unter anderem Reste von einem frühmittelalterlichen, ja sogar frühchristlichen Vorgängerbau freigelegt, nämlich die Fundamente einer Apside, das ist der halbrunde Abschluss eines Sakralbaus, und einer vermutlichen Priesterbank – ebenfalls aus dieser Periode stammend. Daneben wurden zahlreiche Erwachsenen- und Kindergräber sowohl im Kirchenraum als auch im Bereich der heutigen Sakristei gefunden. Das älteste datiert ins 5./6. Jahrhundert!





















