Station 17: Kirchturm

Der freistehende Kirchturm von Serfaus
In einer Beschreibung der Diözese Brixen aus dem Jahr 1889 wurde über den Serfauser Kirchturm geschrieben: „Sehr merkwürdig ist endlich der uralte Glockenthurm, der abgesondert von beiden Kirchen an der Freithofmauer auf einem Felsen sich erhebt – mit niederm Helm, und dieser mit Steinplatten gedeckt.“ Der außergewöhnliche, freistehende Serfauser Kirchturm („Campanile“) soll der Legende nach ein ehemaliger römischer Wachturm gewesen sein. 1516 wurde er auf 36 Meter erhöht, allerdings reichen die Spuren weiter zurück: Bei einer Restaurierung im Jahr 1987 wurden romanische Fugenstriche freigelegt (Romanik: ca. 950 bis 1250). Der Giebel, Schallfenster sowie die Wasserspeier in Drachenkopfform weisen auf die Spätgotik hin (15. Jahrhundert bis frühes 16. Jahrhundert).

Die Glocken des Serfauser Kirchturms
Eine Besonderheit sind die Glocken. Die älteste ist die sogenannte Löffler-Glocke von 1577, die in beiden Weltkriegen der Einschmelzung nur knapp entging. Wie die noch ältere Glocke in der St. Zeno Kapelle überstand sie beide Kriege. Die Serfauser Pfarrchronik berichtet, dass 1908/09 im Zuge einer Restaurierung ein neuer Glockenstuhl in den Turm kam und vier neue Glocken in Trient gegossen wurden. Das ganze Geläut bestand aus sechs Glocken. Drei davon wurden 1916 im Turm zerschlagen und für Kriegszwecke eingeschmolzen. 1917 ereilte eine weitere Glocke dieses Schicksal, nur die Löffler-Glocke und die große Kaiser-Jubiläums-Glocke von 1908 blieben im Turm. Dass nicht alle Glocken zerstört wurden, erreichte der Serfauser Pfarrer, der bei einem hohen Kurgast in Obladis erfolgreich interveniert hatte. Erst 1933 konnten drei neue Glocken von der Gießerei Grassmayr in Innsbruck angeschafft werden. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken mit Ausnahme der Löffler-Glocke nicht im Turm zerschlagen, sondern abgeseilt und abtransportiert. Dafür mussten die Schalllöcher ausgebrochen werden. Die schönen gotischen Kehlungen wurden später wieder hergestellt. Auch die Glocken wurden wieder ersetzt, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es fünf.
Erlebnisse eines Serfauser Mesners
80 Jahre lang war Hermann Althaler Mesner von Serfaus. Er war auch für das Läuten der Glocken zuständig. Die zwei größeren Glocken mussten wegen ihres Gewichts von jeweils zwei Personen geläutet werden, damals noch händisch mit einen Strick, der von den Glocken im Turm herabhing. Dabei musste das Seil stets straff gehalten werden. Als Althaler einmal unaufmerksam war, legte sich das Seil um seinen Hals und zog ihn bis zur ersten Raumdecke in zweieinhalb Meter Höhe hinauf. Er wäre beinahe erstickt und musste nach Hause getragen werden, seinen Dienst als Mesner konnte er erst nach einigen Tagen wieder aufnehmen.
Ein Jungenstreich hat Mesner Althaler besonders geärgert: Er musste jeden Tag um 5.30 Uhr zum Betläuten in den Turm. Einige Burschen aus dem Dorf dachten sich einen Streich aus und wickelten am Vorabend eine Decke um den Klöppel, sodass die Glocke beim Läuten keinen Ton von sich gab.
Besondere Erinnerungen hatte Althaler an den Dorfbrand im September 1942. Der Kirchturm wäre beinahe ein Raub der Flammen geworden. Der Pfarrer trug ihm auf, den Glockenstuhl mit ein paar Kübeln Wasser anzufeuchten. Nachdem schon das Dach der Leichenkapelle abgebrannt war, entwickelte das Feuer in unmittelbarer Nähe zum Turm eine große Hitze, und nur mit knapper Not konnte ein Übergreifen auf den Kirchturm verhindert werden. Althaler selbst hatte weniger Glück, das Haus seiner Familie war eine Brandruine, sie stand vor dem Nichts. In den Kriegszeiten durfte nur das Wirtschaftsgebäude wieder aufgebaut werden. Hermann Althalers emotionales Interview kann über den untenstehenden Link nachgehört werden. Wie gut, dass seine Erinnerungen aufgezeichnet wurden, bevor er 2021 im Alter von 88 Jahren verstarb!






















