Station 1: Muirenkapelle

Station 1: Muirenkapelle

Die Pest- oder Muirenkapelle wurde anlässlich der Pest in den Jahren 1634/35 von der Gemeinde „verlobt“ und zu bauen begonnen. Mit „Verloben“ bezeichnete man früher allgemein ein besonders feierliches und verbindliches Versprechen, also nicht nur das Versprechen zu heiraten, sondern auch das Versprechen, zum Dank beispielsweise für eine Gebetserhörung eine Kapelle zu erbauen oder regelmäßig eine Prozession durchzuführen.
Muirenkapelle vor 1927. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.

Die geweihte Kapelle und ihre Pestheiligen

Im Jahr 1637 wurde die von der Gemeinde versprochene Muirenkapelle vom Brixner Weihbischof Anton Crosini geweiht. Der Stil der schlichten Kapelle ist spätgotisch, zumindest vermitteln die spitzbogigen Fenster und das spitzbogige Portal diesen Eindruck. Der über dem Eingang gemauerte offene Glockenstuhl ist in dieser Art im oberen Inntal selten.

Der kleine Altar im Kircheninneren ist typisch für einen Stil, der sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts im obersten Tiroler Inntal ausprägte: Figurengruppen in hellen Farben sowie eine Kombination aus frühbarockem Altaraufbau, gotisierenden Schnitzfiguren und Ornamenten, die aus der Renaissance übernommen wurden. Der um 1640 entstandene Altar wird dem Prutzer Bildhauer Adam Payr zugeschrieben, wobei es sich um frühe Arbeit des 1682 verstorbenen Kunsthandwerkers handelte. Typisch für Payrs Bildhauerei waren schlanke Figuren mit länglichen Gesichtern. Im Hauptfeld des Altares sind die Schnitzfiguren der Pestheiligen Rochus, Pirmin und, etwas erhöht in der Mitte, Sebastian zu sehen. Eine ähnliche Dreiergruppe schnitzte Payr rund zehn Jahr später für die Landecker Pestkirche (Burschlkirche).

Pestheilige waren in Seuchenzeiten um Schutz und Heilung angerufene Heilige – die Kirche kennt eine ganze Reihe. Bei einem Heiligen wie Sebastian, der mit Pfeilen gemartert worden sein soll, erhoffte man sich Schutz vor den Pestpfeilen. Rochus von Montpellier hatte sich auf seiner Pilgerreise nach Rom um Pestkranke gekümmert und erkrankte danach selbst an der Pest, worauf er von einem Engel gepflegt und von einem Hund mit Brot versorgt wurde. Und der Heilige Pirmin hatte der Legende nach Schlangen vertrieben, was ihn zum Schutzheiligen auch gegen das Gift der Pestkrankheit machte.

Bildausschnitt Altar in der Pestkapelle. Bildquelle: Karl-Heinz Zanon, Der Bezirk Landeck, Innsbruck/Wien 2015, S. 131. Um Probleme mit Bildrechten zu vermeiden bitte noch einmal für das Gemeindearchiv fotografieren!]

Die Pestkatastrophe und ihre Folgen

Der Überlieferung nach sollen in Serfaus nur sieben Ehepaare die Pest überlebt haben und sieben Jahre lang habe ein Großteil der Äcker nicht bestellt werden können. Die biblische Zahl Sieben ist aber nicht wörtlich zu verstehen. Dem Taufbuch der Pfarre Serfaus zufolge kamen binnen eines Jahres, vom 1. August 1636 bis zum 31. Juli 1637, 35 Kinder von 35 Elternpaaren zur Welt. In der jüdisch-christlichen Tradition steht die Zahl Sieben aber für Ganzheit und wird für Positives wie auch für Negatives verwendet. Sieben symbolisiert etwas Einschneidendes. Im Zusammenhang mit der Erfahrung des massenhaften Sterbens bedeutete die Zahl Sieben, dass ihr unerträglich viele zum Opfer fielen, und ohne Zweifel war die Pest für das kleine Dorf eine Katastrophe. Einer erhaltenen Quelle im Gemeindearchiv zufolge starben 1635 111 Menschen an der verheerenden Seuche. In dem erhaltenen Dokument bestätigt das Totengräber-Ehepaar Ulrich Grapp und Anna Magreif vor Zeugen, dass sie den Sold für ihre Totengräberdienste und das ordnungsgemäße Ausräumen der „verpesteten“ Häuser von diesen 111 Opfern der Pest erhalten haben. Demnach ist in der Gemeinde im Vergleich zu einer Zählung aus dem Jahr 1615 ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung binnen eines einzigen Jahres gestorben.

An die Pestepidemie der 1630er Jahre erinnert auch die Stiftung eines Jahrtags, der in der Pfarrkirche zu Serfaus für das ewige Seelenheil der Frau Susanna Linser, Gemahlin des Wilhelm von Payr, Wirt in Ried, gefeiert werden sollte. Dem 1640 vom bischöflichen Konsistorium in Brixen bestätigten Stiftbrief im Pfarrarchiv zu Serfaus zufolge war Susanna Linser „im 1635sten Jar, als damals grassierter laidigen Contagion von disem vergenklichen Jammerthal zu der ewigen Ruhe, Freyd und Seeligkait Todts verschiden“ und vermachte dem Serfauser Gotteshaus ein Kapital von 100 Gulden, von dessen Zinsen der Pfarrer mit Geld und Roggen und der Mesner für seine Dienste ebenfalls eine gewisse Geldsumme erhalten sollte.

Der zur Pestzeit und zur Einweihung der Muirenkapelle in Serfaus wirkende Pfarrer Jakob Westreicher (alternative Schreibweise in den Quellen: Westerreicher) führte zwar 1633 das Taufbuch ein, die Hochzeiten in Serfaus wurden aber noch länger nicht in ein Kirchenbuch verzeichnet. Deshalb wissen wir nur aus anderen Regionen, dass nach der Pest die Zahl der Heiraten oft einen Höchststand erreichte. Die vielen Sterbefälle schufen viele heiratswillige Witwen und Witwer, auch wurde Besitz frei, der zum Teil von Zuzüglern übernommen wurde. Gewiss ist, dass manche Serfauser Familiennamen damals ausgestorben sind, andere neue kamen dafür ins Dorf. Langsam erholte sich die Gemeinde von dem einschneidenden Erlebnis der Pest, doch erst am Ende des 17. Jahrhunderts zählte Serfaus wieder beinahe 1000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Die Pestkapelle ist ein Denkmal an diese Katastrophe. Früher war das auf dem Muirenhügel thronende markante Kirchlein von weit her gut zu sehen. Die Lage auf dem Hügel erlaubt außerdem einen ausgezeichneten Überblick über die sakrale Landschaft von Serfaus mit der Wallfahrts- und Pfarrkirche. Heue noch befinden wir uns hier oben ein paar entscheidende Schritte vom Trubel des Dorfes entfernt.

Alte Dorfansicht von Serfaus. Die Muirenkapelle am Dorfrand rechts ist gut zu sehen. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.

Ein Dorf feiert Maria

Manchmal versammelt sich aber auch das ganze Dorf bei der Kapelle, so beispielsweise am 8. September 1927, dem Geburtsfest der Heiligen Maria, an dem Serfaus 1500 Jahre Marienwallfahrt feierte – in der Meinung, die wundertätige Madonnenfigur aus der Wallfahrtskirche datiere aus dem Jahr 427. Der Hauptgottesdienst fand als Feldmesse hier auf dem Muirenhügel statt. Danach wurde die Muttergottesstatue in einer feierlichen Prozession durch das geschmückte Dorf getragen. Das Foto aus dem Gemeindearchiv zeigt einen der Höhepunkte des festlichen Ereignisses auf dem Muiren. Andächtig beugen die Menschen das Haupt beim feierlichen Segen. Alle Frauen tragen Kopftuch, die Männer ziehen den Hut.

Feldmesse auf dem Muiren, 8. September 1927. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus.
Zuletzt aktualisiert am: 14.04.2026