Station 2: Muirenhügel

Station 2: Muirenhügel

Wir befinden uns am Fuß des Muirenhügels. „Muira“ bedeutet Schutt bzw. Gestein von einem Abbruch des Geländes. Im Jahr 1775 wurde der Hügel intensiv landwirtschaftlich genutzt. Laut Maria-Theresianischem Kataster befanden sich hier, auf der „Muyre“, mehrere Gärten und Kabisgärten (Krautgärten).
Blick vom Muirenhügel zur Kirche und weiter Richtung Komperdell und Furgler, 1920. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus

Frühmittelalterliche Gräber am Muiren

Bei der Errichtung der Muirengarage wurden 2007 völlig unerwartet am westlichen Rand der Baustelle Reste eines gemauerten Grabbaus aus dem Frühmittelalter gefunden. Darin lagen in unterschiedlichen Tiefen Knochen. Leider sind die Skelettreste nur schlecht erhalten.

Die Bagger warteten ungeduldig, um die Tiefgarage zu bauen. Die Archäologinnen und Archäologen arbeiteten unter enormen Zeitdruck. Sie konnten ermitteln, dass in diesem kleinen Grabbau über einen längeren Zeitraum mehrere Menschen bestattet wurden. Von drei Bestattungen wurden Radiokarbondaten gemessen, die als Ergebnis den Zeitraum von 575 bis ca. 870 nach Christus abdecken. Ob es sich bei dieser Grabstelle um ein Familiengrab handelte oder um die Begräbnisstätte einer bestimmten sozialen Gruppe mit einem besonderen Status, wissen wir leider nicht.

Gefunden wurde auch die eine oder andere Grabbeigabe wie beispielsweise Teile eines Knochenkamms und eine Spinnwirtel. Diese Gegenstände erlaubten eine erste grobe Datierung vom 4. bis zum 7. Jahrhundert nach Christus. Die Spinnwirtel ist das Schwunggewicht einer Handspindel, einem einfachen Werkzeug, das jahrhundertelang zum Verspinnen von Fasern zu Garn verwendet wurde, bevor sich das Spinnrad im 13. Jahrhundert in Mitteleuropa verbreitete.

Charakteristisch für die Bestattungsweise der damaligen romanischen Bevölkerung war die gestreckte Rückenlage und die West-Ost-Ausrichtung der Toten. Typisch ist auch, dass kaum je Grabbeigaben wie Schmuck oder auch Werkzeuge wie eine Handspindel mitgegeben wurden. Man nimmt an, dass diese Menschen bereits Christen waren.

Detailliertere Informationen zu den Grabungsbefunden sind in der Serfauser Dorfzeitung vom Oktober 2023 auf S. 26 und 27 nachzulesen.

Archäologische Grabungen im Zuge des Baus der Tiefgarage am Muiren, 2007. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus

Der Muirenhügel als Erinnerungsort

Am 4. Dezember 2007 kam es beim Bau der Garage beinahe zu einer Katastrophe, als morgens knapp vor Arbeitsbeginn nahezu die gesamte Betondecke in sich zusammenstürzte. Eine halbe Stunde später wären zehn Bauarbeiter auf der Baustelle gewesen. Grund war ein Berechnungsfehler des Statikers, eine Zeit lang wurde in den Medien aber auch über Sabotage spekuliert, war doch die Garage so nah an der Kapelle nicht unumstritten.

Heute erinnert die Station am Muirenhügel nicht nur an das hohe Alter der Gemeinde. Mit seiner Kapelle (Station 1), dem Rundumblick, der Nähe zum Dorfzentrum mit Schule und Kindergarten sowie zur Pfarr- und Wallfahrtskirche ist der Muiren seit jeher ein Mittelpunkt der Ortsgeschichte und wichtiger Erlebnisraum.

Prozession auf dem Muirenhügel, ca. 1970. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus

Landwirtschaft als Grundlage der Dorfgemeinschaft

Serfaus wird als Tourismusort wahrgenommen und stellt sich nach außen auch so dar. Auch wenn der Tourismus vieles zu überlagern scheint, so ist das Selbstverständnis vieler Serfauser:innen ein bäuerliches. Die Landwirtschaft hat für Jahrhunderte das Leben und Wirtschaften im Dorf geprägt und ist noch immer greifbar, wie etwa am letzten Misthaufen an der Dorfbahnstraße (siehe Station 9 „Dorfentwicklung“). Die Arbeit mit dem Vieh, auf den Feldern, im Wald und auf den Almen war das tägliche Brot der Bewohner:innen, bevor der Tourismus Mitte des 20. Jahrhunderts Fuß fasste und alles veränderte.

Es war auch die Landwirtschaft, die aus einer Ansammlung von Bauernhöfen eine Dorfgemeinschaft formte. Denn jene Flächen, die nicht im Einzeleigentum eines bäuerlichen Betriebs standen, wurden von der gesamten Dorfgemeinschaft genutzt. Dafür gab es spezielle Regeln, damit diese wertvolle Ressource allen gleichermaßen zugute kam. Eine Übernutzung der „Allmende“ wurde sanktioniert, sodass niemand eine ungerechtfertigte Vorteilnahme für sich beanspruchen konnte. Die gemeinsamen Arbeiten – z.B. die Entsteinung von Almweiden, die Pflege von Wegen und Zäunen, das winterliche Holzschlagen, der Viehauftrieb etc. – schweißte die landwirtschaftliche Bevölkerung zu einer Gemeinschaft zusammen.

Grauviehausstellung am Muirenhügel, 1990. Bildquelle: Gemeindearchiv Serfaus
Zuletzt aktualisiert am: 16.04.2026