Station 6: Antoniushof

Rätoromanisches Durchfahrtshaus
In den rätoromanischen Siedlungen waren die meisten Wohnhäuser gemauert. Nur die Wirtschaftsgebäude waren aus Holz und stießen an die rückseitige Giebelwand der Wohnhäuser an. Durch das weite Rundbogentor fuhr der Korn- oder Heuwagen durch den Flur des Hauses zur rückwärtigen Tenne. Nach dieser Bauweise und Funktion wurde das rätoromanische Haus als „Durchfahrtshaus“ bezeichnet.
Beim Antoniushof ist das Bauelement des runden Torbogens noch schön zu sehen. Für den Wagen wurde das Tor aufgesperrt, für all die vielen alltäglichen Gänge betraten die Menschen das Haus jedoch durch die kleinere Tür, die in das Tor eingelassen war. Über lange Zeit lebte nicht nur eine Familie im Haus, laut Maria-Theresianischem Kataster wohnten 1776 hier vier Parteien. Der von verschiedenen Erben geteilte Hof war frei, das heißt, er unterlag keiner Grundherrschaft.

Angebaute Backöfen
In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1946 mit dem Titel „Bergdorf der Seltsamkeiten“ fiel dem Berichterstatter bei seiner Wanderung durch das Dorf auf, dass jedes Haus einen „Bauch“ hat, „aus jedem ragt ein steinerner halbkugelartig geschlossener Vorbau heraus, dem Ganzen ein pittoreskes Aussehen verleiht.“ Es handelt sich bei dieser „Seltsamkeit“ um den Backofen, der erkerartig an das Haus angebaut wurde und von innen bedient werden konnte. Andernorts war der Backofen oft ein gesondertes Bauwerk, doch in den engen Gassen des alten Serfaus gab es keinen Platz für ein eigenes Nebengebäude zum Brotbacken.


Enges Zusammenleben
Die Menschen lebten früher in den dicht aneinander gebauten Häusern eng aneinander. Da gab es wenig Raum für Geheimnisse, wie wir aus zahlreichen erhaltenen Gerichtsakten aus der Zeit um 1600 erfahren. Streitereien innerhalb von Familien und in der Nachbarschaft wurden zwangsläufig von anderen mitgehört und beobachtet, sie wurden zum Dorfgespräch, und vor Gericht wehrten sich Frauen und Männer gegen ehrbeleidigende Taten und Worte. Die Zeugenaussagen dieser Gerichtsverhandlungen geben ein lebendiges Bild des Alltagslebens in Serfaus wieder. Die große soziale Nähe bedingte aber auch, dass man einander aushalf und sich um eine gute Nachbarschaft bemühte. Kinder fanden stets Spielgefährten.
Im alten Serfaus gab es viele kinderreiche Familien. Die klischeehafte Vorstellung von Mehrgenerationen-Großfamilien trifft jedoch nicht zu. Viele Kinder starben bereits im Säuglingsalter. Aus den Kirchenbüchern wird zudem ersichtlich, dass bei Hochzeiten oft bereits mindestens ein Elternteil des jeweiligen Brautpaars verstorben war.

Komplexe Besitzgeschichten
Fast alle historischen Höfe in Serfaus haben eine komplexe Besitzgeschichte. Dies trifft auch auf den heutigen Antoniushof zu, der laut Theresianischem Steuerkataster in freiem Eigentum seiner Besitzer war. Diese mussten für ihre Behausung keine jährlichen Abgaben an einen Grundherrn leisten. Das Haus war geviertelt, bis zu vier Familien lebten lange Zeit unter ein- und demselben Dach.





















